Philosophieren im Unterricht
Im Religionsunterricht arbeiten wir ständig mit vielschichtigen Begriffen, die nicht so leicht zu erfassen sind, wie zum Beispiel Glück, Segen, Heil, Schuld.
Bei solchen Begriffen reicht es nicht, eine kurze Erklärung zu geben, um sie zu verstehen. Erkenntnis ist kein Prozess der Abbildung, sondern der Konstruktion. Konstruktivistische Didaktik sieht das Lernen als einen Prozess der Selbstorganisation des Wissens. Niemand kann Schülern vorgeben, wie sie einen Begriff zu besetzen haben. Gerade in unserer pluralistischen Gesellschaft braucht es Gelegenheiten, die eigenen Gedanken und Erfahrungen mit Mitschülern auszutauschen, Mehrperspektivität zu erfahren. Durch das philosophische Gespräch kann sich der Schüler von seinem „Reli-Ich“ lösen und beginnt sich frei zu äußern. Das Signal für den Schüler dazu ist der ritualisierte Ablauf der : „Jetzt darf ich alles sagen und kein Mitschüler lacht, der Lehrer hält sich zurück und verbessert nichts!“ beinhaltet. Aus meiner bisherigen Erfahrung kann ich das bestätigen, die Schüler äußerten sich nach anfänglicher Zurückhaltung immer offener und ehrlicher.
Der Religionsunterricht wird unterbrochen und eine philosophische Grundhaltung wird eingenommen. Die Schüler bestimmen den Gedankengang und wissen, sie sind jetzt fragende, nachdenkende, ernstzunehmende Philosophen und nicht mehr Schüler. Mich hat es oft erstaunt, welche Aussagen von den Kindern gemacht wurden. Beim Begriff Schuld zum Beispiel fingen die Schüler an, über: Kann man Schuld erben? zu philosophieren. Dabei kamen Überlegungen, wie: „ Von den Eltern bekommt man Schuld mit, wie ein Sohn eines Mörders, der das in sich hat.“ Diese Überlegungen hätten sonst weder ich- noch die Schüler- jemals geäußert. Indem wir aber weiter darüber philosophierten und alle Sichtweisen besprachen, veränderte sich auch diese Aussage. Ich nenne solche Überlegungen „Tabufragen“, die durch die philosophische Haltung erst ermöglicht werden: es darf in alle Richtungen gedacht werden!
Ziele des Philosophierens im Religionsunterricht sind:
- freies und offenes Philosophieren über einen Begriff (kein Reli-Ich) und gemeinsames Umkreisen desselbigen
- Förderung des Zuhörens und Akzeptierens anderer Meinungen
(auch des Demokratieverständnisses)
- Ausbildung der Sprachfähigkeit, verbalisieren lernen
- Tabufragen- "heiße Eisen" anzusprechen
- Die Entwicklung einer Gesprächskultur
- Förderung von Selbstständigkeit und Empathiefähigkeit
2011 ©Julia Potthoff All rights reserved